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So hat sich mein Leben nach der Magen-OP verändert

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So hat sich mein Leben nach der Magen-OP verändert

Ihr Gewicht war für Praxedis Lämmle Nallaseth lange Zeit eine Last – für ihren Körper und für ihre SeeleDeshalb entschied sie sich mit 59 Jahrenfür eine Magen-OP. Hat das ihr Leben erleichtert?

An die erste Mahlzeit nach ihrer Magenbypass-Operation kann sie sich noch gut erinnern. Das Essen wurde in vier winzigen Schalen serviert, jede minimal größer als ein Eierbecher. Darin: Risotto, Brokkoli, Hackfleisch mit brauner Soße und Extra-Soße. Dafür sollte sie sich 20 Minuten Zeit nehmen, mindestens, und ganz langsam kauen. „Es schmeckte gut. Und was mich überraschte: In jeder Schale blieb ein kleiner Rest, ich schaffte es nicht, das bisschen aufzuessen – und war trotzdem total satt“, erzählt Praxedis Lämmle Nallaseth.

Verhaltensmuster als Grund für das Essverhalten

Früher wäre so eine Portion für sie eher ein „Gruß aus der Küche“ gewesen, bevor die Hauptmahlzeit serviert wird. Denn ihr Essverhalten beschreibt die im Kanton Zürich wohnende Schweizerin so: zu viel, zu fettig, zu süß, zu kalorienreich. „Tupperdosen brauchte ich nicht. Ich sorgte höchstpersönlich für die Einlagerung anfallender Reste, ich war die Tupperdose“, erzählt die heute 66-Jährige. „Wenn ich nachts vorm Kühlschrank stand, wusste ich, warum ich dick war. Essen war für mich Energietanken, Entspannung.“ Sie vermutet, dass dahinter tief verankerte Muster aus der Kindheit stecken. Wenn sie geknickt war, aß sie, etwa wenn die Nachbarskinder sie „Schweinchen Dick“ nannten. Essen war aber auch eine Art Liebesbeweis, wenn ihr Vater, der beruflich oft unterwegs war, von seinen Reisen jede Menge Süßigkeiten mitbrachte.

Mit Ende 30 war die zweifache Mutter und Mit-Geschäftsleiterin im Familienunternehmen adipös, krankhaft übergewichtig. Ihr Höchstgewicht lag bei 113 Kilogramm, verteilt auf 1,67 Meter Körpergröße. Es schwankte, je nachdem, ob sie gerade eine Crash-Diät oder ein Ernährungsprogramm durchzog oder nicht. „Mein Körper war wie ein Akkordeon, mal mehr, mal weniger auseinandergezogen.“ Was dagegen konstant blieb, war die Unterstützung ihres Mannes. „Er hat mir nie das Gefühl gegeben, dass mein Übergewicht ihn störte oder dass meine Diäten ihn nervten. Er hat alles einfach mitgetragen.“

Damals lag bereits ein langer Weg hinter ihr. Bei ihrem ersten Abnehmversuch war sie 17 und „noch nicht stark übergewichtig, aber etwas mehr als pummelig“. Damals gab es noch kein Instagram und keine Millionen Treffer bei #bodypositivity, sondern verächtliche Blicke auf der Straße. Sie befolgte strenge Ernährungsregeln und nahm neun Kilo ab – und danach schnell wieder zu. So war es meistens. Praxedis Lämmle Nallaseth machte trotzdem weiter, jahrzehntelang. „Ich dachte immer, irgendwann finde ich die eine Diät, die mich retten wird, mit der ich dauerhaft abnehme.“ Eine abgespeckte Aufzählung ihrer Hungerkuren in den folgenden Jahren liest sich so: Kohlsuppen-Diät, Eiweiß-Diät, Apfel-Diät, Milch-Semmel-Diät. Mal verliert sie zehn, mal 15, einmal sogar 25 Kilo. Doch danach schlägt jedes Mal aufs Neue der Jo-Jo-Effekt zu.

Belastung für Körper und Seele

Ihr Gewicht wird mit der Zeit zur Belastung für ihren Körper: Es geht auf die Gelenke, sorgt für Bluthochdruck, bringt sie schon bei kleinsten Aktivitäten wie Strümpfe anziehen ins Schwitzen. Es wird aber auch zur Belastung für ihre Seele: die blöden Sprüche, das Geglotze, die Lacher. „Es ist ein mieses Gefühl, wenn im vollen Zug der Platz neben dir als einziger frei bleibt und die Leute lieber stehen bleiben. Es ist schrecklich, wenn man zu dritt im Aufzug steht, der dann nicht losfährt, weil er überladen ist und eine andere Person kopfschüttelnd wieder aussteigt.“

Sie legt sich ein Repertoire an Strategien zu, um peinliche oder unangenehme Situationen zu vermeiden: Auf Stühle setzt sie sich nur, wenn sie keine Armlehnen haben, aus Angst, stecken zu bleiben. Auf Gruppenfotos stellt sie sich fast immer seitlich hin, damit nicht ihre volle Breitseite zum Vergleich mit anderen im Bild ist. Aus neuer Kleidung schneidet sie die Größenetiketten nach dem Kauf heraus, damit beim Jacke-Abnehmen niemand darin die 56 entdeckt und blöd guckt. Muss sie enge Drehkreuze passieren, hält sie sich ihre Tasche vor den Bauch – falls sie stecken bleibt, kann sie so tun, als sei die Tasche schuld. „Das ist besser als das peinliche Gefühl, wegen des Bauchs stecken zu bleiben“, sagt sie.

Als Praxedis Lämmle Nallaseth ihren damaligen Hausarzt aufsucht, um sich medizinischen Rat für geeignete Maßnahmen zum Abnehmen zu holen, drückt dieser ihr einfach ein Infoblatt mit Ernährungstipps in die Hand. „Erst lief es auch ganz gut, ich verlor etwas Gewicht. Doch wenn ich mich gestresst fühlte, kam es öfter zu Ess-Exzessen.“ Bei einem Kontrolltermin nennt der Arzt sie einen „hoffnungslosen Fall“. Sie hat Angst, dass er recht haben könnte, versucht aber, es mit Humor zu nehmen: „Als hoffnungsloser Fall hatte ich ja eine vom Arzt attestierte Ausrede, wenn mal wieder eine Diät nicht funktionierte.“

Wenn Ernährungsberatung und Abnehmprogramme nicht helfen

Es folgen weitere Jahre mit Sitzungen bei Ernährungsberater:innen und neuen Abnehmprogrammen. Auf lange Sicht sorgen diese allerdings nur für einen leichteren Geldbeutel. Dass ihr Essverhalten auch psychische Ursachen haben könnte, wird bei keiner Beratung richtig thematisiert. „Alles drehte sich um Le-bensmitteltabellen und Kontrolle“, sagt sie.

Weil sie nicht weiterkommt, geht Praxedis Lämmle Nallaseth 2013 zu einer Ärztin, die auf Adipositas spezialisiert ist. Die Empfehlung der Spezialistin: eine Magen-Operation. Die Schweizerin lehnt ab. „Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, eine OP sei eine bequeme Lösung, ein Zeichen von Schwäche. Ich wollte mir beweisen, dass ich genug Willensstärke besitze, um selbst abzunehmen. Auch wenn es bis dahin nie geklappt hatte.“ Ein weiterer Vorschlag der Ärztin: ein Medikament für Diabetiker:innen, das Lämmle Nallaseth zwar nicht braucht, aber das eine dauerhafte leichte Übelkeit verursacht, was sich dann auf das Essverhalten niederschlägt. „Mir wurde schon von der Idee schlecht“, sagt sie.

Ein Jahr später gesteht sie sich ein, dass sie es aus eigener Kraft wirklich nicht schaffen wird. Sie entscheidet sich für eine Magenbypass-Operation. Die damals 59-Jährige erfüllte alle Anforderungen, die es in der Schweiz gibt, damit die Krankenkasse die Kosten dafür übernimmt: nicht älter als 65 Jahre, einen BMI größer als 35 plus Begleiterkrankungen, mindestens zwei Jahre Ernährungsberatung unter medizinischer Aufsicht.

So funktioniert eine Magenbypass-Operation

Bei dem chirurgischen Eingriff wird der Magen kurz hinter dem Mageneingang abgetrennt, übrig bleibt ein sogenannter Magenpouch. Dieser wird direkt mit dem mittleren Teil des Dünndarms verbunden, sodass das vordere Stück umgangen wird, daher auch der Name Bypass. Der verkleinerte Magen ist nur noch ungefähr so groß wie eine Espressotasse, es passt wenig hinein. Zudem verringert sich durch den verkürzten Darm die Kalorien-, aber auch die Nährstoffaufnahme. Nach der Operation muss man deshalb regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel wie Kalzium, Vitamin D3 und Vitamin B12 zu sich nehmen, um Mangelerscheinungen vorzubeugen – ein Leben lang.

Lämmle Nallaseths erster Gedanke, nachdem sie aus der Narkose erwacht: „Ich habe mich verstümmeln lassen.“ Doch kurz darauf machte sich Erleichterung breit und der Gedanke: „Endlich werde ich dauerhaft abnehmen.“ Sie betont aber, dass eine Magenbypass-Operation kein Allheilmittel ist. „Vor dem Eingriff wurde mir gesagt, dass die Psyche nicht mit operiert wird. Stopft man danach weiter alles in sich rein, bis einem schlecht wird, nimmt man auch nicht dauerhaft ab. Man muss bereit sein, auf seinen Körper zu hören.“

Das tat sie und schaffte es so, innerhalb eines Jahres 44 Kilogramm abzunehmen. Allerdings nicht ohne Komplikationen. Eine mögliche Nebenwirkung der OP ist die Stenose, eine Verengung der Magen-Darm-Passage durch Narbenbildung – bei Lämmle Nallaseth trat diese gleich dreimal auf. „Ich musste ständig würgen, konnte zeitweise nicht mal mehr meine Spucke schlucken.“ Erleichterung schaffte eine unter Betäubung eingeführte Sonde, die die verengte Stelle weitete.

Ein neuer Blick auf das Leben

Nicht nur die Kilo-Zahl kann sich nach dem Eingriff verändern – auch der Blick auf das Leben. Praxedis Lämmle Nallaseth hat von Frauen gehört, die danach ihren Mann verließen, weil sich plötzlich andere für sie interessierten. Tatsächlich liegt die Scheidungsquote von Magenbypass-Operierten laut einer schwedischen Studie drei Jahre nach dem Eingriff bei 41 Prozent. Bei Lämmle Nallaseth traf das nicht zu: Mit ihrem Mann, der mit ihr im wahrsten Sinne durch dick und dünn gegangen ist, ist sie weiterhin zusammen.

Was sich bei ihr jedoch im Kopf verändert hat: „Ich schäme mich nicht mehr beim Essen. Ich kann es endlich genießen, es ist zu etwas Schönem geworden.“ Zudem sei sie nicht mehr aufs Essen fixiert, früher kreisten ihre Gedanken ständig um die nächste Mahlzeit. Jetzt konzentriert sie sich auf das, was vor ihr auf dem Teller liegt, lässt sich jeden Bissen auf der Zunge zergehen – auch weil sie sie extrem gut kauen muss.

Die Mahlzeiten wurden mit der Zeit etwas größer als die Mini-Schälchen direkt nach der OP, sie schafft jetzt eine Kinderportion und vielleicht noch zwei Löffel vom Nachtisch. Ihr Gewicht hat sich bei 64 Kilo eingependelt, sie trägt Größe 38 oder 40. Wenn sie in den Spiegel schaut, tut sie das gern, weil ihr ihre Figur gefällt. Dass seit ihrem Gewichtsverlust die Haut an Bauch, Armen und Oberschenkeln nicht mehr straff sitzt, stört sie nicht. „Das ist okay. Mein Ziel war nie, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Ich wollte die Last loswerden“, sagt sie. Die Last, die ungefähr so viel wog wie 176 Päckchen Butter. Das hat sie mal ausgerechnet.

Die Operation bereut sie nicht, aber dass sie sich erst spät dazu durchgerungen hat. „Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich helfen zu lassen – im Gegenteil. Ich wünschte, ich hätte das früher erkannt.“

Vorträge über ihren persönlichen Weg zur Magenbypass-Operation und die Zeit danach hält Praxedis Lämmle Nallaseth unter anderem in Adipositas-Selbsthilfegruppen oder an Info-Tagen von Kliniken für bariatrische Operationen. 

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Brigitte

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