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Nina Kutschera: „Ein wenig später und ich hätte das nicht überlebt“

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Nina Kutschera: „Ein wenig später und ich hätte das nicht überlebt“

Ob mit Low Carb, Shakes oder alles nur noch fettreduziert, eine Diät hat wahrscheinlich schon jeder ausprobiert. Doch was passiert, wenn man sich in einer Diätspirale verfängt und den Ausweg allein kaum noch findet? Die Influencerin Nina Kutschera hat uns ihre Geschichte erzählt.

„Es macht mich wahnsinnig, so was zu sehen“, ist eine der ersten Sätze, die im Gespräch mit Nina Kutschera fallen, die auf Instagram unter dem Namen „ohgottdiesenina“ unterwegs ist. Sie sah die Werbung einer Instagram-Kollegin und ihre Vergangenheit holte sie ein – in ihrer Instagramstory machte sie ihrem Ärger teilweise unter Tränen Luft.

„Einfach die Mahlzeiten ersetzen und man nimmt ab“, so oder so in etwa soll die Kollegin einen Abnehmshake beworben haben. „Ein Shake hat 300 Kalorien“, sagt Nina. „Ersetzt man dann drei Mahlzeiten, ist man bei 900 Kalorien, was deutlich unter dem Grundumsatz liegt und dann wird es gefährlich für den Körper.“ Warum sie das so aufwühlt, hat mit ihrer Vergangenheit zu tun.

Nina Kutschera: Enge Freunde sagten zu ihr, sie solle nicht so viel „fressen“

„Meine Geschichte beginnt im jungen Teenie-Alter“, erinnert sich Nina. „Ich hatte damals schon ein Lipödem, aber konnte das gar nicht erkennen.“ Sie habe zugenommen, ihr seien die Haare ausgefallen und anstatt sie zu unterstützen, sagten ihr sogar enge Freundinnen sie solle mal nicht so viel „fressen“. „Dabei habe ich das gar nicht getan.“ Zu dem Lipödem leidet Nina auch an einer Insulinresistenz und kämpft mit starken Hormonschwankungen.

„Irgendwann kommst du einfach in einen Teufelskreis, immer wird man nur auf sein Äußeres reduziert“, sagt sie und erinnert sich unter Tränen daran, dass sie von vermeintlichen Freundinnen sogar daran gehindert wurde, bei Auftritten ihrer Band dabei zu sein – denn Nina ist eine hervorragende Sängerin, die sogar schon auf der „The Voice of Germany“ Bühne stand. Nach zahlreichen Diäten und viel Sport kam dann der für sie unvermeidliche Ausweg: Einfach gar nichts mehr essen.

Wegen Anfeindungen und Ablehnung: Nina Kutschera stellte das Essen ein

„Natürlich funktionierte es zunächst“, sagt sie. „Aber an den Beinen habe ich durch das Lipödem nicht abgenommen.“ Nina entwickelte durch Anfeindungen, Ablehnung und beiläufige Sprüche ein gestörtes Verhältnis zum Essen: Nahrung war der Feind, den es zu bekämpfen galt. Erst ihr jetziger Ehemann gab ihr Halt in der Abwärtsspirale aus Diäten, Sport und Essensverweigerung.

Doch sobald sie anfing, wieder zu essen, kamen die Gallenkoliken. Auch als die Koliken immer häufiger kamen, ging sie nicht zum Arzt. Denn auch da erlebte sie, wie viele andere dicke Menschen, nur Ablehnung und Stigmatisierung. „Abnehmen“ lautet stets das Zauberwort der Damen und Herren in Weiß. Dass das vielleicht nicht immer der einzige Grund der Beschwerden ist, wird gar nicht erst untersucht. Erst als es kein Kolik-, sondern ein Dauerschmerz war, brachte ihr Mann sie ins Krankenhaus. Diagnose: Gallenblase geplatzt.

Wenn ich nur ein wenig später ins Krankenhaus gekommen wäre, hätte ich das nicht überlebt.

Bei Formula-Shake-Diäten isst man unter seinem Grundumsatz

Warum war jetzt der Auslöser ihrer Wut diese Influencerin mit den Abnehmshakes? Weil sie im Prinzip genau das bewirbt, was Nina so krank machte: Auf Essen verzichten, alles runterfahren und dem Körper so mehr schaden als helfen.

„In der Regel liegt die Kalorienzufuhr bei vielen Diätwilligen bei diesen sogenannten Formula-Diäten unter 1000 Kalorien am Tag, obwohl schon mindestens 800 bis maximal 1200 Kalorien empfohlen werden“, bestätigt auch Ökotrophologin Sabrina Thaden aus Hamburg. „Diese Kalorienaufnahme liegt unter dem Grundumsatz, was auch der Grund ist, warum die Leute damit so schnell abnehmen“, sagt die Expertin für Ernährungsberatung und -therapie. Das Problem unserer Gesellschaft ist: „Du bist nur erfolgreich, wenn du viel Gewicht in kürzester Zeit verlierst. Das sei dann Disziplin“, sagt Thaden.

Expertin erklärt: Unser Körper ist den Überfluss an Essen nicht gewöhnt

Thaden erklärt, dass wir bei der Betrachtung von Diäten folgendes berücksichtigen müssen: erst seit den 1960er-Jahren leben wir in einer Überflussgesellschaft. All die Jahre davor war der Mensch damit beschäftigt, genug zu essen zu bekommen. Unser Körper ist noch immer im selben Modus wie vor über 50 Jahren. Kommt eine Hungerperiode, also in diesem Fall eine Formula-Diät mit Shakes, dann geht der Körper nicht sofort an die Fettreserven, sondern nutzt Muskelmasse als Energiequelle und senkt den Grundumsatz. So können die wichtigen Organe auch bei wenig Nahrungsaufnahme weiter versorgt werden.

Was wir gerne vergessen: Unser Erbgut ändert sich nicht innerhalb von zwei, drei Generationen. Der Mensch hat ideale Bedingungen, um Hungerperioden zu überstehen, aber keine genetische Ausstattung, um mit starkem Übergewicht umgehen zu können.

Wer ständig Diäten macht, verliert das Verhältnis zum Essen

„So kommt es dann auch immer wieder zum Jo-Jo-Effekt“, sagt sie. Durch die Diät haben wir den Grundumsatz von beispielsweise 1500 Kalorien auf 1300 Kalorien gesenkt, selbst wenn man jetzt wieder ’normal‘ isst, nimmt man zu. „Je mehr Diäten jemand macht, desto schwerer wird es für denjenigen abzunehmen“, sagt Thaden.

Das Problem vieler, die ständig neue Diäten starten, sei, dass sie das Verhältnis zum Essen verloren haben. Die Signale des Körpers – ob Hunger, Durst oder Sättigung – sind ihnen häufig fremd. „Viele schwanken zwischen zwei Extremen: Einerseits strenge Disziplinierung mit vielen Verboten während der Diätphase und andererseits dem Kontrollverlust, wenn die Diät scheitert“, so Thaden. Das natürliche Essverhalten wurde verlernt und führt bei dicken Menschen häufig dazu, dass sie noch dicker werden – eine Spirale, die von der Gesellschaft und der Diätindustrie noch befeuert wird.

Verwendete Quellen: Interview mit Nina Kutschera und Sabrina Thaden

Brigitte

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