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„Es sollte das Normalste der Welt sein, seinen Stumpf zu zeigen“

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„Es sollte das Normalste der Welt sein, seinen Stumpf zu zeigen“

Unsere starke Frau des Monats: Gina Rühl, 22, kämpfte sich nach einem schweren Verkehrsunfall zurück ins Leben. Nun hat sie nur ein Ziel vor Augen: Sie möchte die diesjährige Miss Germany Wahl gewinnen. Mit dem Sieg würde sie in die Geschichte eingehen – denn noch nie zuvor hat eine Frau mit Prothese den Schönheitswettbewerb gewonnen.

2019 änderte sich das Leben von Gina Rühl schlagartig. In einer Linkskurve verliert ihr Freund die Kontrolle über das Motorrad. Die beiden stürzen, Gina rutscht über die Straße, prallt gegen einen Baum. Dabei wird ihr Arm innerlich abgerissen, sie bricht sich mehrere Knochen, darunter auch das Becken. Zwei Wochen später der Schock: Trotz Operation kann Ginas linker Arm nicht gerettet werden – er wird amputiert.

BRIGITTE: Du hast deinen Arm bei einem Verkehrsunfall verloren. Was genau ist damals passiert und wie lange liegt der Unfall nun schon zurück?
Gina: Der Unfall ist im September 2019 passiert. Wir wollten mit einem befreundeten Pärchen einen Kaffee trinken gehen. Die beiden sind mit dem Motorrad vor uns gefahren. Mein Freund und ich sind mit seinem Motorrad hinterher. Es war super schönes Wetter, wir sind nicht schnell gefahren, aber auf einmal hat mein Freund in einer Linkskurve die Kontrolle über das Motorrad verloren. Ich wurde herunter geschleudert, bin über die Straße gerutscht und letztendlich gegen einen Baum geprallt. Dabei wurde mir innerlich der Arm abgetrennt, mein Becken gebrochen und mein rechter Unterschenkel komplett zertrümmert. Ich wurde per Helikopter sofort in die Uniklinik gebracht und operiert. Insgesamt musste ich drei Monate im Krankenhaus verbringen.

Dein Freund ist damals das Motorrad gefahren. Inwiefern hat sich der Unfall auf eure Beziehung ausgewirkt?
Wir sind danach als Paar noch näher zusammengerückt, weil wir verstanden haben, was für ein Glück wir hatten. Schließlich hätte es auch ganz anders ausgehen können. Mein Freund war zum Zeitpunkt des Unfalls ein sehr erfahrener Motorradfahrer. Daher stand für mich auch von der ersten Sekunde an fest, dass ich ihm für den Unfall nicht die Schuld geben werde. Er würde mir niemals mit Absicht etwas antun und ich habe gesehen, wie sehr es ihm wehgetan hat, was da passiert ist.

Gina Rühl über ihre Amputation: „Ich dachte, das passiert mir nicht“

Andere kommen nur schwer mit so einem Schicksalsschlag zurecht. Wie erging es dir, als dir klar wurde, dass du deinen Arm verlieren wirst?
Ich lag zwei Wochen auf der Intensivstation, da war der Arm noch dran, aber zu dem Zeitpunkt wurde es zum ersten Mal thematisiert, dass es sein kann, das sie meinen Arm amputieren müssen. Ich habe die Vorstellung aber am Anfang überhaupt nicht an mich rangelassen. Ich dachte, das passiert mir nicht, der Unfall war schon schlimm genug. Nach mehreren Untersuchungen stand aber fest, dass der Arm tatsächlich amputiert werden muss. Als meine Eltern unter Tränen in mein Zimmer kamen, wusste ich sofort, was los war. Ich konnte es aber nicht richtig realisieren, selbst nach der Amputation habe ich nicht verstanden, was da gerade passiert ist. Erst als ich zu Hause war und meinen Alltag nicht mehr alleine bewältigen konnte, habe ich verstanden, dass nichts mehr so ist, wie es vorher mal war.

Inwiefern beeinträchtigt dich deine Amputation im Alltag? Was musste verändert werden, damit du eigenständig leben kannst?
Ich musste mein Auto umbauen lassen, damit ich weiterhin mobil bleiben konnte. Ich habe ein spezielles Brett, damit ich mir zum Beispiel alleine Brote schmieren kann. Ich habe einen bestimmten Teller, damit ich alleine essen kann. Und sonst bastel ich mir auch viele Sachen, wenn ich merke, hier fehlt mir ein Hilfsmittel. Mir ist es wichtig, dass ich möglichst selbstständig leben kann, auch wenn alles etwas länger dauert als vorher.

„Möchte den Menschen, der ich heute bin, nicht mehr missen wollen“

In einem Interview sagtest du einmal „du warst ein Mädchen, dass sehr auf sein äußeres Bedacht war“. Hat sich die Amputation anfänglich auf dein Selbstbewusstsein ausgewirkt?
Na klar, ganz am Anfang hielt ich mich für entstellt. Ich hatte Angst, dass mich die Leute nun mit anderen Augen sehen, mich nicht mehr hübsch finden, besonders mein Freund. Ich hatte wirklich sehr große Angst, dass er mir vielleicht fremdgehen könnte und sich eine Freundin sucht, die keine Amputation hinter sich hat. Diese Gedanken waren natürlich totaler Quatsch und total unbegründet. Mein Freund liebt mich so wie ich bin, das zeigt er mir immer wieder. Trotzdem musste ich wirklich kämpfen, um dorthin zu gelangen, wo ich heute bin. Mittlerweile weiß ich, jeder ist schön, so wie er ist.

Gibt es auch etwas Positives, das du deinem Schicksalsschlag abgewinnen kannst? Hat es dich als Person verändert?
Definitiv. Ich war vorher schon sehr dankbar, aber nicht so dankbar wie jetzt. Ich habe mich nochmal ganz anders kennengelernt, ich habe mich sehr stark weiterentwickelt und ich weiß, worauf es im Leben ankommt.

Gibt es Momente, in denen du dir trotzdem manchmal dein altes Leben zurückwünschst?
Natürlich würde ich meinen Arm immer wieder zurückhaben wollen, aber ich möchte die Erfahrungen und den Menschen, der ich heute bin, nicht mehr missen wollen. Ich gehe mittlerweile mit einer ganz anderen Einstellung durch das Leben. Ich bin einfach so froh, noch am Leben zu sein, dass mir bei dem Gedanken immer wieder die Tränen kommen.

Als „einarmige Prinzessin“ nimmt Gina ihre Follower:innen mit durch ihren Alltag

Auf deinem Instagram-Account gehst du mit deiner Prothese und dem Stumpf ganz offen um. Wann und warum hast du den Entschluss gefasst, dich nicht mehr verstecken zu wollen?
Das kam tatsächlich weniger von mir. Eine Freundin hat den Stein ins Rollen gebracht. Sie hat mich ermutigt ein Foto von mir zu machen und es hochzuladen. Um so vielleicht Kontakt zu Menschen herstellen zu können, die etwas Ähnliches erlebt haben. Und das hat geklappt. Mir haben so viele Menschen geschrieben, manche hatte einen steifen Arm, andere einen Schlaganfall. Sie alle haben sich bei mir bedankt, dass ich so offen mit meinem Schicksal umgehe und ihnen damit Mut mache. Das hat mich angespornt weiter zu machen. Ich lasse mich aber auch gerne vom Content der anderen inspirieren. Ich habe zum Beispiel anhand eines Videos gelernt, wie man sich mit einer Hand die Schuhe bindet – das ist schon eine tolle Sache.

Für viele ist das Zeigen des Stumpfs noch immer ein Tabu. Wie erklärst du dir das?
Alles, was nicht der Norm entspricht, ist für uns Menschen komisch und fremd. Dort, wo sonst der Arm wäre, sieht man eben nur den Stumpf. Das ändert natürlich auf den ersten Blick das Erscheinungsbild. Man sieht einfach anders aus.

Was können wir tun, um unsere Sehgewohnheiten zu verändern?
Nicht jeder, der eine Amputation hinter sich hat, möchte seinen Stumpf und seine Prothese so offen zeigen, das verstehe ich. Wenn ich aber jemanden sehe, der mit seiner Amputation offen umgeht, freue ich mich immer sehr. Denn nur so können wir für mehr Sichtbarkeit sorgen. Menschen brauchen Vorbilder und je mehr Leute sich trauen, desto schneller gewöhnt man sich an den Anblick. Es sollte das Normalste der Welt sein, seinen Stumpf zu zeigen.

Mit der Teilnahme an der Miss Germany Wahl möchte sie anderen Menschen Mut machen

Du gehörst zu den Teilnehmerinnen der diesjährigen Miss Germany Wahl. Mittlerweile hast du es sogar in die Top 11 geschafft. Wieso nimmst du an dem Contest teil?
Ich habe mich bei der Miss Germany Wahl beworben, weil ich mich angesprochen gefühlt habe. Sie suchen jemanden mit einer Mission, jemand, der etwas verändern möchte und darin habe ich mich sofort wiedererkannt. Genau das versuche ich ja schon mit meinem Instagram-Account. Und durch den Contest habe ich die Chance, das in einem größeren Stil zu machen, da ich ein viel größeres Publikum erreiche. Außerdem eröffnen sich mir natürlich auch ganz viele neue Möglichkeiten. Ich würde beispielsweise so gerne ein Kinderbuch schreiben, in denen Amputationen und Prothesen thematisiert werden. So würden schon die ganz Kleinen mit dem Wissen aufwachsen, dass sowas ganz normal ist.

Was möchtest du mit deiner Teilnahme an der Wahl zur Miss Germany erreichen?
Ich möchte so gerne die Menschen zum Umdenken anregen. Denn derzeit leben wir in einer Gesellschaft, die sehr negativ eingestellt ist und die ständig darauf schaut, was einem fehlt, anstatt zu schätzen, was man hat. Man ist gesund, man hat tolle Freunde, einen Job, einen vollen Kühlschrank, ein Auto – und trotzdem finden die Menschen immer etwas, worüber sie sich aufregen können. Das möchte ich ändern, denn das Leben ist viel zu wertvoll und viel zu kurz – das ist vielen Menschen leider einfach nicht bewusst.

Sendehinweis: Das Miss Germany Finale wird am 19. Februar ab 20:45 über Twitch übertragen

Brigitte

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